Leseprobe: Klammer auf - Roland Reischl Verlag

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Leseprobe: Klammer auf

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Hilfe, die Ölfarbe schimmelt!
 
Bei Bauarbeiten in einem Pariser Metro-Tunnel wurden kürzlich die Tagebücher von Guy Compostella de Ecrivèros gefunden. Kunstexperten aus aller Welt messen diesem Fund unermessliche Bedeutung bei: Erstmals sind Einblicke in die Gedankenwelt des öffentlichkeitsscheuen Malers möglich. Im Folgenden präsentieren wir einige Auszüge:

Dienstag, 15. Januar
D’Avercy ist ein Dieb! Oder ist sein „Mädchen im Mohnfeld“ etwa kein billiger Abklatsch meines Meisterwerks „Russische Winterlandschaft“? Zur Rede gestellt, lachte der Schurke, meinte höhnisch, er sehe beim besten Willen nicht, was seine Nymphe mit meinem Schneehaufen gemein habe. Einmal in Rage geredet, drehte er den Spieß sogar um und erdreistete sich, MICH des Plagiats zu bezichtigen! Jawohl, mich! Dieser Wurzelzwerg warf mir allen Ernstes vor, das Portrait meiner Mutter sei auf den Pinselstrich mit dem zuvor entstandenen Portrait seiner Mutter identisch! Grundsätzlich will ich das gar nicht bestreiten, aber er muss doch einsehen, dass die Intention jeweils grundverschieden ist.

Donnerstag, 17. Januar
Ein ambitioniertes Projekt ist gescheitert: die Eiche im Garten meines Schwagers zu malen. In Originalgröße. Zu spät stellte ich fest, dass die 12 x 15 Meter große Leinwand, die ich zu diesem Zweck in meinem Atelier gebaut hatte, nicht durch die Tür passt.

Montag, 21. Januar
Befinde mich in einer Schaffenskrise ... bin blockiert, kann nicht malen ... Die Ölfarbe schimmelt schon.

Donnerstag, 24. Januar
Pah, diese Impressionisten! Bei Sonnenschein draußen malen kann doch jeder. Ich hingegen bin düstren Gemüts, will Regenimpressionen, die Natur im Zweikampf mit dem nassen Element erhaschen! Wieder einmal ist es an mir, Geschichte zu schreiben. Immer diese Verantwortung ...

Samstag, 26. Januar
Einsicht. Farben durch Platzregen von der Palette gewaschen, Leinwand im Schlamm versunken. Manet hatte recht: Wer abends den Hahn frisst, muss sich nicht wundern, wenn er am nächsten Morgen verschläft. Eitle Selbstüberschätzung! Bin ich klüger, größer als die Meister? Nimmermehr, nicht ich. Ich bin ein Wicht. Seit dem Frühstück heftiges Zahnfleischbluten.

Freitag, 1. Februar
Heute kein Eintrag. Kann mein Tagebuch nicht finden. Jemand muss es gestohlen haben. Bestimmt d‘Avercy, dieser Ignorant!

Samstag, 2. Februar
Sinnkrise! Kein Ende der Verzweiflung. Ein bösartiger Kritiker schrieb über meine „Herbstrose in der Wüste, meiner Schwester Rosa nachempfunden“: „Er malt nicht. Ich weiß, was ich sehe.“ Wenn ich wüsste, was er weiß, könnte ich ja malen, was er sieht, aber ich sehe ja, was ich male und wenn er nicht weiß, was ich sehe – wie soll ich dann wissen, was ich weiß ...? Ich glaube, ich werde zum Surrealismus konvertieren.

Montag, 4. Februar
Habe heute Morgen den Pinsel gefüttert und die Katze in den Farbtopf getaucht. Etwas Seltsames geht vor.

Montag, 11. Februar
Soll ich wirklich mein ganzes Atelier mit Marmelade einschmieren? Ich muss an die kommerziellen Möglichkeiten denken: Schwartau will die Aktion sponsern.

Mittwoch, 13. Februar
Riesenärger! Wegen einiger Bilder im Stil des späten Realismus, die ich für Geronymus gefertigt habe. Zuerst hat er sie gelobt, weil sie so gelungen seien, meinte er, dass man sie gar nicht von Fotografien unterscheiden könne. Inzwischen ist seine Begeisterung abgekühlt. Offenbar habe ich vergessen, den Stempel des Fotolabors von der Rückseite zu knibbeln.

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Samstag, 16. Februar
Heute morgen in der Scheune des alten Hummelmann aufgewacht. Trug eine rostige Ritterrüstung, die feuerrote Perücke meiner Vermieterin, hatte die Ohren voller Buttermilch und konnte mich an nichts erinnern, seit ich vorgestern getestet habe, ob es wirklich so verheerende Folgen hat, wenn man mehrere Minuten lang an der Pastellfarbe schnuppert. Der gestrige Tagebucheintrag: ein Rätsel!

Sonntag, 17. Februar
Suselmeyer kam ins Atelier – vor Begeisterung außer sich wegen einiger Bilder, die ich während meines geistigen Ausfalls gemalt habe. Ich sah sie zum ersten Mal, als er sie mir zeigte und konnte ihm beim besten Willen nicht sagen, was darauf zu sehen ist, aber er hat sie gekauft. Ein Hoffnungsschimmer? Ich spüre, meine „karierte Phase“ ist zu Ende. Muss sie sein! Morgen beginnt ein neuer Schaffensabschnitt.

© René Klammer 1997.
20 kurze Texte aus dem Frühwerk von 1996 bis 2010. 96 Seiten, 10,8 x 17 cm, Softcover, Neuausgabe 4. Dezember 2020
ISBN 978-3-943580-37-2. 10,00 Euro
Status: sofort lieferbar
10.00 €(MwSt. Inkl.)
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