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Kolumne von René Klammer, Juni 2016

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Beständigkeit

Der Käse riecht nach toten Füßen. Schmeckt aber toll. Heute mache ich früher Mittagspause, weil ich zu spät kam. Mein Zug fiel aus, „Verzögerungen im Betriebsablauf“ – da ärgert man sich und verbrennt viel mehr Energie. Darum jetzt schon die toten Füße. Normalerweise warte ich ja, bis die Kollegen fertig sind mit ihren Mikrowellendelikatessen. Aber es kann halt nicht jeden Tag alles gleich laufen. Manchmal muss man ausbrechen, neue Wege gehen. Auch wenn andere die Nase rümpfen.

Der Weg zur Arbeit, zum Supermarkt, ins Bistro: Irgendwann kennt man jeden Wackelstein, jedes Graffiti. Manche Leute gehen JAHRZEHNTELANG dieselben Wege. Schritt für Schritt. Ist das beängstigend? Oder vielleicht sogar erstrebenswert? Bisschen Beständigkeit in diesen unruhigen Zeiten – ist doch gar nicht schlecht, oder? Man kommt besser aus dem Bett, wenn man weiß, wo man hinmuss nach dem Frühstück. Schläft ruhiger, wenn man weiß, dass sich am Ersten das Konto wieder füllt. Um Freiheit zu gewinnen, muss man ein bisschen Freiheit abgeben. So ist das halt. Käse, der lecker ist, stinkt.

„Boah, was MÜFFELT denn hier so?“, beschwert sich einer. Ich sitze hinterm Gummibaum, da sieht man mich nicht gleich. Außerdem habe ich einen Erdbeertee aufgebrüht, um meine Geruchsspuren zu verwehen. Aus der Mikrowelle zieht der Kollege eine Plastikschale, die dort zehn Minuten lang rotiert ist: Kohlrouladen mit Kartoffelpüree. Er schnüffelt dran. Schmeißt sie weg und angelt sich eine Büchse Thunfisch.

Beständigkeit – für manche ein Schimpfwort. Doch für andere lebensnotwendig. Büchsenthunfisch soll bitte immer gleich schmecken. Hollywoodfilme sollen gut enden, Betriebsabläufe sich verzögern. Worauf kann man sich sonst verlassen heutzutage? Wer weiß, ob die Welt morgen früh noch so aussieht wie heute beim Einschlafen? Nicht einmal Computer sind frei von Zweifeln: „Ein geringer Genauigkeitsverlust ist nicht auszuschließen“, heißt es beim Speichern. Trifft auf Excel-Dokumente zu – und auf Lebensentwürfe genauso. Auf mein Weltbild. Auf Kindheitserinnerungen oder Liebesschwüre. Von Steuererklärungen mal ganz abgesehen.

Jetzt landet auch der Thunfisch im Müll. „Riecht wie tote Füße“, stimme ich zu. Er nickt: „Tote Füße mit Erdbeertee.“ Dann haue ich ab. Ich muss mir dringend mal die Zähne putzen.

 

Text: © René Klammer 2016.

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