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Bert Brune:
Fred & Lena
Fortsetzungsroman

01 Weibliche Psyche

02 Die Anmache

03 ... gleich um die Ecke
 

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Bert Brune: Fred & Lena. Fortsetzungsroman
 

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Weibliche Psyche

Seinerzeit hatten Fred und Lena sich eine Vier-Wochen-Frist gesetzt. Damals, in der Südstadt, als sie sich in Clemens’ Kneipe kennengelernt hatten. Sie stand am Tresen, und Fred näherte sich, um sie zu testen. Testen, ob sie das richtige Objekt war für seine Ziele. Die darin bestanden – tatsächlich hatte Fred sich solch weit reichenden Gedanken gemacht – die weibliche Psyche zu erforschen. Fred hatte sich zwar diesen seltsamen menschlichen Wesen, wie er sie insgeheim betrachtete, schon früher genähert, hatte Erfahrungen gesammelt, aber es war nicht genug. Um nicht zu sagen, es war erst ein kleiner Anfang, war er überzeugt. Deshalb näherte sich also Fred Ende der Siebziger wieder einem dieser Wesen, im „Chlodwigeck“, wo er Stammgast war. Und er hatte bei Lena sofort das Gefühl, auf eine Goldader gestoßen zu sein. Was für ihn hieß: Hier, bei dieser Frau, die da ziemlich allein am Tresen stand, würde er mit seinen Beobachtungen weit kommen, ziemlich weit.

Obwohl sie, oberflächlich gesehen, nur zu jenen Neugierigen zählte, die damals von der Kölner Südstadt angezogen wurden, weil diese ‚in‘ war. Nicht offiziell ‚in‘ zunächst, kein Szene-Viertel, sondern ein Tipp für Eingeweihte. Fred fühlte sich nicht als Eingeweihter, er wohnte zufällig hier in der Gegend und wollte nur mal am Wochenende (und auch sonst) einen Absacker trinken. Und da waren diese Frauen. Günstig für Freds Ambitionen, dass immer mehr Frauen, junge Frauen in diese Kneipe von Clemens Böll kamen, Neffe des berühmten Dichters Heinrich, und sich umsahen. Sie suchten Leben, sie suchten Originalität, sie suchten Kreativität, Leute jedenfalls, die was Neues machten, und die gab es hier. Es gab zum Beispiel diesen Typ, der zwar viel trank, aber samstagnachmittags mit der Gitarre an der Ecke des Tresens stand und Lieder sang. Mit kölschem Akzent. Man verstand ihn nicht, aber er sah nicht schlecht aus – wenn man es nicht so genau nahm – und man gab ihm ein Bier aus. Hätte man damals nicht gedacht, dass er, Wolfgang Niedecken, später als Chef der BAP-Band berühmt und von da an richtig Geld verdienen würde.

Und Maler waren zu besichtigen, vor allem zu hören – Maler hatten gewöhnlich rhetorisch auch einiges zu bieten –, obwohl sich später oft herausstellte, dass es zwar Künstler waren, die aber eher in die Kategorie Lebenskünstler gehörten, also mehr oder weniger gescheiterte, vielleicht kurz vor dem Verlöschen noch mal in Flammen, Scheinflammen auflodernde Existenzen waren. Wenn es auch Ausnahmen gab. Jürgen Klauke etwa, der rechtzeitig dem Alkohol-Delirium entstieg und ein bekannter Selbstdarsteller wurde.

Aber da war an jenem Abend eben auch Lena. Fred hatte sich neben sie gestellt und sagte: „Hast ja wirklich ’ne tolle Hose an.“ Er sagte das einfach so, direkt, ohne großes Vorspiel. Aber in solchen Kneipen konnte man das. Außerdem fiel diese Hose tatsächlich auf, denn es waren keine Jeans. Damals trugen die Leute, Männer wie Frauen, Jeans, diese blauen, diese zeitlosen Dinger, Lena dagegen hatte eine schwarze glänzende Samthose an. Das fiel auf. Der eine oder andere, vor allem die eine oder andere, warf einen missbilligenden Blick drauf. Und geschminkt hatte Lena sich auch, dezent, aber man sah es. Das war damals auch nicht das Übliche. Man schminkte sich nicht, das war bürgerlich, das war konservativ. Obwohl in diese Art von Kneipe bereits der Geist einer neuen Zeit eingezogen war. Man fühlte es, aber man sprach es nicht direkt aus. Man hatte vom Politischen die Nase voll, man hatte von Parolen-schreienden, Fahnen-schwenkenden Demonstranten die Nase voll und suchte wieder das Leben. Frauen zum Beispiel. Es mussten nicht Genossinnen sein, eben bloß Frauen.

Und Lena war eine, fraulich bis in die Zehenspitzen. Denn sie hatte volles, schwarz glänzendes Haar und eine schmale Goldkette um den Hals, dann eben diese glatte, eng anliegende, den Körper betonende, einen ansehnlichen Körper betonende Hose an. Und er stand neben ihr.

Einer, den er als Arnold kannte, hatte sich ihr ebenfalls genähert. Man machte das natürlich diskret, gerade bei so einer wie Lena machte man das diskret, man wollte nicht angesehen werden als einer, der auf solche bürgerlichen Produkte der Kosmetik- und Textil-Industrie hereinfiel. Dennoch, die uralten Triebe zur Erhaltung der Menschheit waren stärker als die kalten theoretischen Äußerungen der progressiven Vordenker jener Zeit – abgesehen davon, dass man sich innerlich bereits von all diesen Sprüchen abgesetzt hatte.

Zur Fortsetzung

 

© Bert Brune 2017.

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