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BertBruneBlog vom 13. Januar 2019
 

Die Rhein-Spatzen

Wir gingen auf der Hauptstraße nach links. Rechts war Hersel-Fähre, links war Widdig. Erst mal noch der Weg durchs Dorf. Leichter Regen, wir hielten die Schirme hoch. Aber keine kalten Finger, zwar Winter, doch die Luft mild. Trotzdem schienen wir ganz allein unterwegs zu sein. Weder Fußgänger noch Autos zu sehen. Beim letzten Mal, im September, war das ganz anders gewesen. Viele Leute schlenderten zum Weinfest, zum Bauernhof. Wie in alten Zeiten: Live-Musik, und in der Scheune tanzten die Menschen. Meist ältere, eng umschlungen in ihren leichten Sommerkleidern. Lachende Gesichter, auch die an den Verkaufsständen, man bot nicht nur den hiesigen guten Weißen und Roten an, sondern trank ihn offensichtlich auch. Leuchtende Augen, lachende Münder, rote Backen.
Solche Bilder kamen uns nun, bei diesem grauen Wetter mitten im Januar, fast unglaublich vor. Das Weingut hatte jetzt die Tore geschlossen, Ruhe und Besinnlichkeit war angesagt. Es wurde dann richtig still, als wir direkt am Rhein auf dem oberen Weg waren. Das Wasser unten floss träge dahin, in den nahen Häusern links, auch in den Gärten, keine Bewegung. Aber plötzlich doch. Plötzlich ganz eindringlich der Lärm der Spatzen. Die hört man ja im Sommer weniger intensiv, da sind alle – Pfanzen, Tiere, Menschen – draußen, machen sich farblich, aber auch geräuschvoll bemerkbar. Nur hier, in der nun feuchten trüben Umgebung, allein die Spatzen aktiv. Ein kleines Volk, Spatzen treten ja immer gern in Gruppen auf, als Meute. Ich ging näher, aber man sah keinen einzigen Vogel. Die Häuser hatten dicke Hecken um die Vorgärten, da drinnen lärmten die Spatzen. Wegen des dichten braunen Laubs, das die Kälte, die Stürme noch nicht abgeworfen hatten, war der Blick versperrt. Die Spatzen fanden das offensichtlich toll, freuten sich, machten sich vielleicht auch lustig über mich, der ich mich vorbeugte, aber kein lebendiges Wesen zu Gesicht bekam.
Ging dann schneller, hinter Gilla her, die sich nicht für die Spatzen interessierte, aber für die Häuser. Gilla könnte vielleicht auch eine Architektin sein. Bemerkt sofort den den Stil, die jeweilige Struktur von Fassaden, kann sogar, mit einem Blick durch die Fenster, die Einrichtung bestimmen, sogar den Schnitt der Wohnungen.
Hier jedes Haus anders, mit einem besonderen markanten Touch.

Was mir auch auffiel: Man ging ziemlich weit auf dem Uferweg, aber langweilte sich nicht. All die Türmchen, Erker, der Schnitt der Fenster – es handelte sich um Schönheit. Man ging, und merkte gar nicht, dass man schon einen beachtlichen Teil der Strecke geschafft hatte. Einfach unterhaltsam, so ein Spaziergang oberhalb des Flussbettes zwischen Hersel und Widdig. Vor allem, weil es ein bisschen regnete und man sich alles ungestört ansehen konnte. Unten rechts begleitete uns der Werth als Insel, die bald hinter uns verschwand und den Blick freimachte: die Weite des Rheintals. Unwillkürlich blieb man stehen, angesichts der Wolken, der dünnen zarten blauen Stellen dazwischen, die sich spiegelten auf der ausgedehnten Wasserfläche.

Und schon hatten wir das angepeilte Café vor uns erreicht, die Rheinterrassen von Widdig. Im Sommer saßen wir gewöhnlich draußen auf dieser breiten Anlage, im Winter war drinnen auch viel Platz. Aber es war schon mal schöner gewesen. Denn die neuen Besitzer haben eine halbhohe Wand eingbaut, von einem großen Teil des Lokals aus konnte man nicht mehr das Siebengebirge sehen. Wohl das andere Rheinufer gegenüber, aber nun nicht mehr die bekannten Gipfel dieser Region im Süden, unser Symbol, unser Wander-Kennzeichen, dieser wellige Horizont oberhalb von Königswinter, beginnend mit dem Petersberg, übern Drachenfels bis hin zum Asberg.
Kuchen und Kaffee im neuen Lokal okay, aber wir saßen doch eben eingeengt. Und dann die Einrichtung. Gilla hatte sich nur kurz umgesehen. „Kitsch“, sagte sie, auf die noch weihnachtliche Winterdekoration weisend, „irgendwo billig im Baumarkt bekommen“. Tatsächlich sah man viele silberne Hirsche und kleine lila und knallgrüne Kunststofftannenbäume als Wandschmuck. Die Möbel pompös, aber wenn man genau hinguckte, kein Leder, sondern Imitat, und die braun lackierten schweren Tische, wir fühlten es sofort, Plastik.
Sollte man eben auch anmerken, eine Renovierung muss die Welt nicht unbedingt schöner machen, im Gegenteil ... Natürlich hingen wir solchen eher negativen Gedanken nicht lange nach. Es war Sonntag, wir hatten unsere übliche Kaffee-Pause, den üblichen Kuchen, hatten vor allem einen angenehmen Weg am Rhein hinter uns. Saßen entspannt da, erzählten, schwiegen, blickten uns freundlich an, blickten auch die Kellner freundlich an, auch die meist älteren Leute um uns.
Und standen nach einer angemessenen Zeit auf und schlenderten, immer noch im Nieselregen unterm Schirm, zur nahen Haltestelle.

© Bert Brune 2019.

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